„Utopias, Realities, Heritages. Ethnographies for the 21st century“ – SIEF-Kongress in Zagreb im Juni 2015

 

Vom 20. bis zum 25. Juni 2015 reiste eine studentische Delegation des Seminars für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität Basel zusammen mit den Assistierenden Konrad Kuhn und Theres Inauen an den 12. Internationalen Kongress der SIEF (Société Internationale d’Ethnologie et de Folklore), der in Kroatiens Hauptstadt Zagreb stattfand. Einige Beobachtungen, Eindrücke und Überlegungen zum Kongress-Geschehen, an dem über 900 Wissenschaftler_innen aus der ganzen Welt teilnahmen:

(Zum Vergrössern auf die Bilder klicken)

 

Der in Zagreb stattfindende 12. SIEF-Kongress war geprägt durch ein ausserordentlich umfangreiches und vielfältiges Programm, das eine Präsentationsplattform für alle möglichen Fachbereiche und Themen bot. Die im Kongresstitel genannten Begriffe “Utopias, Realities, Heritages” definieren laut dem SIEF-Präsidenten Valdimar Hafstein “the society and its field(s) of research and practice; these are the concerns that mark the common ground of ethnologists and folklorists”. Viele weitere ähnliche Aussagen sind als Begrüssung im Kongressbuch zu lesen und es ist sehr interessant, zu vergleichen, wie der Kongress und die SIEF in eben dieser Publikation präsentiert werden und was für Erfahrungen man vor Ort sammelt, wenn man als BA-Studentin zum ersten Mal selber an so einem Kongress teilnimmt.

Céline Haas

 

Der SIEF-Kongress beinhaltete viele Themen wie Home, Migration, Body, Religion oder Food. Diese unterschiedlichen Themenfelder wurden verknüpft durch die roten Fäden  Utopias, Heritages und Realities. Als Zuhörerin bekam man beim Eintreten in den Kongresssaal zwei Bücher ausgehändigt: das Programm des Kongresses und ein Heft mit dem Titel: „What’s in a Discipline?“. Interessant daran ist besonders das Titelbild. Es zeigt unzählige Tontöpfe, die mit unterschiedlich farbigen Gewürzen gefüllt sind: rot, blau, grün, gelb, orange, usw. Es könnte die Interdisziplinarität und Vielfältigkeit der Disziplin Kulturwissenschaft betonen. Oder es verweist auf das Kongress-Panel zum Thema Food, das mich sehr interessierte und von dem ich einige Vorträge besucht habe.

Emily Harries

 

Der Auftakt des 12. SIEF-Kongresses in Zagreb bestand unter anderem aus der Opening Keynote von Orvar Löfgren mit dem Titel „Living in the Past, the Present and the Future: Synchronizing Everyday Life“. In den Fokus seines Vortrages stellte der Referent ein allen bekanntes Objekt: den Koffer. Alltagsnah und verständlich amüsierte er uns mit Erzählungen und Ausführungen rund um diesen Gegenstand. So berichtete er unter anderem von Filmen, in denen ein Koffer symbolisch vorkommt. So kann das Kofferpacken in Filmen beispielsweise als Zeichen für den Beginn eines neuen Lebens stehen. Löfgren warf auch eine historische Perspektive auf das Reisen und den Koffer: Noble Leute mussten zum Beispiel zu Beginn des Tourismus weder den Koffer selber packen noch diesen tragen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Massentourismus und das Reisen war nicht nur noch den Wohlhabenden vorenthalten. Löfgren beschrieb den Koffer zudem als einen limitierten Container, beim Packen kommt die Fähigkeit des Antizipierens zum Zuge. Koffern rahmen die Vorbereitungen für eine Reise und stellen ein privates Universum dar. (...) Der Redner schloss mit der Aussage, dass es sich beim Koffer um einen trivialen Gegenstand handle, der für die Vergangenheit (Heritage), das Jetzt (Reality) und die Zukunft (Utopia) stehe und auch für Träume, Möglichkeiten oder Stetigkeiten. Der Koffer: Ein Gegenstand, der leer praktisch nichts aussagen, aber gefüllt oder/und kontextualisiert viele Geschichten erzählen kann.

Samira Clemenz

 

Im Gegensatz zu Anderen packen wir unsere Koffer nicht für immer, sondern wir werden nur für kurze Zeit – genauer gesagt für vier Tage – in eine neue, zusammengefügte Welt eintauchen. Unsere Koffer tragen schon Gebrauchsspuren, wie Orvar Löfgren in seinem Eröffnungsvortrag so treffend bemerkt hat: Wir bringen Erfahrungen, Erinnerungen, Gewohnheiten und Wissen mit uns und das gilt nicht nur für uns, sondern für alle Teilnehmer_innen des Kongresses aus den verschiedensten Ländern und Fachkontexten. Was wir ausser genügend Kleidung, Toilettenartikel und Geld in unsere Koffer packen? Gewiss eine grosse Menge an Erwartungen, etwas Hoffnung und eine kleine Prise Nervosität, Unsicherheit und die Redner_innen vielleicht sogar ein wenig Angst. Was wir fast ganz hinter uns lassen? Hierarchien und gewohnte Zeitstrukturen. Wir verlassen unseren Alltagskontext, sind sozusagen entkontextualisiert. Jeder bekommt ein blaues Namensschild, ohne universitären Titel wohlbemerkt, von den Wenigsten weiss man also, welche Position sie in ihrem gewohnten Alltag bekleiden. Innerhalb der Welt des SIEF-Kongresses begegnet man sich auf Augenhöhe und richtet sich nach einem neuen Zeitplan.

Elena D’Orta

 

Das Gastgeberland Kroatien steht als jüngstes EU-Mitglied momentan unter zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Veränderungen. Die historische Aufarbeitung der Vergangenheit war am Kongress deutlich spürbar. Dies zeigte sich sowohl in der klaren politischen Positionierung der kroatischen Forscherinnen, als auch in der progressiven, zukunftsgewandten EU-Ausrichtung der vorgestellten Forschungsfelder. Die kriegerischen und ideologischen Konflikte der letzten zwanzig Jahre habe ich als Schweizerin nur tangential erfahren. Deshalb erschien es mir als ein grosses Privileg, einen derart klaren Einblick in die aktuelle ethnologische Forschung Kroatiens zu erhalten. Es wurde mir bewusst, wie in anderen Ländern die Disziplin nach wie vor politisch aufgeladen ist.. Die Wahl des Themas für den diesjährigen SIEF-Kongress war deshalb äusserst passend gewählt. Der Titel „Utopias Realities Heritages. Ethnographies for the 21st Century“ vermochte einen weiten Bogen zu spannen, zwischen Früher und Heute, zwischen Hier und Dort. Der Kongress eröffnete ein weites Spektrum an Forschungsgebieten und Diskussionsansätzen. (...) Der zweite Teil des Titels „Ethnographies for the 21st Century“ ist hingegen deutlich zukunftsgewandter. Er macht den Eindruck heutige und künftige Projekte legitimieren zu wollen. „Uns braucht es auch noch im einundzwanzigsten Jahrhundert!“, so die Rede. Die Rolle der Forscher_innen wurde dabei klar kommuniziert: Wir hätten die Fähigkeit, Imaginationen, Projektionen, Wünsche und Ängste der Menschen zu registrieren. Im einundzwanzigsten Jahrhundert sei diese Veranlagung deshalb von grosser Relevanz. Täglich würde unsere Gesellschaft mit herausfordernden Fragen konfrontiert. Deshalb sei es umso wichtiger, auf einer kritischen Plattform zu hochstehenden Diskussionen anzuregen. Der SIEF-Kongress konnte das Fundament dazu schaffen.

Saskia Kobelt

 

Bleibt die verbindende, reflektierende, austauschende Komponente des SIEF-Kongresses nun aber also eine Utopie, da er zu umfangreich ist und zu wenig Platz für Austausch und die gemeinsame Besprechung der vorgestellten Forschungen bietet, obschon dieser kritische und austauschende Aspekt in den verschiedenen Vorworten des Kongressbuches immer wieder erwähnt wird? Oder steht sowieso etwas Anderes im Vordergrund? Wie ist es zu verstehen, wenn der Kongress angepriesen wird mit den Worten: “it’s going to be a rollercoaster, fun, stimulating and inspiring“? Und wie wichtig ist er für die Stadt Zagreb und das Land ausserhalb der kulturwissenschaftlichen Institutionen? Wird doch beispielsweise an mehreren Stellen des Kongressbuches auf Ausflugsmöglichkeiten in ganz Kroatien hingewiesen, werden seitenweise Aktivitäten in Zagreb vorgestellt und Sonderangebote angepriesen. Und auch für die Universität Zagreb und vor allem für die am Kongress beteiligten Fächer ist dieser Grossanlass von hoher Bedeutung, trägt er doch zur Bekanntmachung und „Legitimation“ des Faches bei, mit der dieses ja bekanntlich immer wieder etwas zu kämpfen hat.

Céline Haas

 

Die Vielfalt an Auswahlmöglichkeiten der Panels sowie an verschiedenen Darstellungs- und Vortragsformen ist auf die internationale Veranlagung des Kongresses zurückzuführen. Erst durch das Zusammentreffen von Menschen aus verschiedenen Regionen der Welt werden solch eine Diversität und ein Vergleich möglich. Es war eine faszinierende Erfahrung, zu sehen und zu hören, dass Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt – zwar mit jeweils eigenen Schwerpunkten und Fachverständnissen – an gleichen oder zumindest sehr ähnlichen Themen arbeiten. (…) Es gab mehrere Vortragende, die einen ausgeprägten muttersprachlichen Akzent oder Schwierigkeiten mit der englischen Aussprache hatten, sodass man sie kaum verstehen oder dem Gesagten nur mit einem Höchstmass an Aufmerksamkeit folgen konnte. Dies war zuweilen schade, da der Inhalt dieser Vorträge sicher interessant gewesen wäre. Neben etwas Enttäuschung darüber, aus diesen Vorträgen aufgrund der Verständnisschwierigkeiten nicht besonders viel mitgenommen haben zu können, gesellte sich aber auch Bewunderung für die Vortragenden, die sich trotz ihres starken Akzents oder ihrer Artikulationsschwierigkeiten souverän vor die Zuhörerschaft stellten. Das Englische diente zwar als Verkehrssprache, die es ermöglichte, sich über Fachliches auszutauschen, dennoch stellte sie einige vor unterschiedliche Herausforderungen.

Tanja Bühler

 

Fest steht, dass trotz der enormen Vielfalt an Themen und Disziplinen einige gemeinsame Anliegen bestehen bleiben, welche die SIEF-Mitglieder seit Jahren miteinander verbinden. Während eines solchen internationalen Kongresses merkt man, was all die Kulturwissenschaftler_innen auf der Welt verbindet und wie viele Forschende es gibt, die sich mit Ähnlichem beschäftigen. Gleichzeitig ist es auch eine willkommene Abwechslung, anderen Forscher_innen zuzuhören, die man nicht vom eigenen Seminarbetrieb schon kennt, und zu sehen, was sonst noch so getan wird in unserem Fach. Genauso interessant ist e saber auch, die am eigenen Institut bekannten Personen hier in einem anderen umfassenderen Kontext zu sehen. So macht vieles, an dessen Relevanz für die Forschung man vielleicht zweifelte, wieder mehr Sinn, man erkennt grössere Zusammenhänge besser und sieht einzelne Forschungen in einen grösseren Kontext eingebettet. Durch den SIEF-Kongress fühlt man sich also bestärkt darin, im eigenen Fach etwas Wichtiges, Sinnvolles zu tun, denn man erkennt, wie viele Menschen auf der ganzen Welt sich mit denselben Fragestellungen beschäftigen.

Céline Haas

 

Die Grösse und Dichte des Kongresses prägte dessen Rhythmus. Durch den hohen Zeitdruck war es schier nicht möglich, sich mit Kritik auseinanderzusetzen oder überhaupt Aussagen in Frage zu stellen. Man war da, um zu konsumieren und nicht um zu hinterfragen. Für die Repräsentation nach aussen jedoch war der Umfang des Kongresses von hoher Relevanz. Man wollte sich in Zagreb präsentieren und tat dies mit Erfolg. Nach innen liess die Grösse des Kongresses das Gefühl der Stärke und des Zusammenhalts wachsen. Im Endeffekt war es also scheinbar weniger wichtig, wie der Kongress verlaufen ist, sondern viel eher, dass er stattgefunden hat.

Saskia Kobelt

 

Mit grosser Spannung und vielen Fragen reiste ich an den SIEF-Kongress: Was für Leute treffe ich an? Woher kommen diese? Sind sie eher jung oder alt? Wie werden die Vorträge und wie das ganze Drum und Dran? Ich verliess Zagreb mit einem ‚Koffer’ voller neuer Impressionen, Aspekte und Einblicke in neue Untersuchungsgebiete. Ich fand es eine tolle Sache, und es hat mir gefallen!

Samira Clemenz