Exkursion: Urban Displays – Displaying Urban Cultures (Frankfurt am Main, 10.-12.06.2014)

 

In Kooperation mit der Professur Visuelle Kultur am Institut für Kunstpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt, organisiert von Dr. Ina Dietzsch und Prof. Dr. Verena Kuni

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«Wie nehmen wir eine Stadt, das Urbane wahr? Was sehen wir, und was nicht? Wie, von wem und warum wird Urbanität erfasst oder inszeniert? Welche Möglichkeiten gibt es, um einerseits den eigenen Blick für die Visibilität und Invisibiltät einer Stadt zu schärfen und andererseits die unterschiedlichen Darstellungs- sowie Wahrnehmungsebenen des Urbanen kritisch zu hinterfragen? Diese sowie andere Fragen taten sich nach der vorbereitenden Sitzung und der Lektüre des Textes Zoom auf Paris von Bruno Latour auf und bildeten gleichsam den Rahmen unserer dreitägigen Exkursion nach Frankfurt am Main.»

Marcel Jud

 

«Es war schön kühl im Schatten der Platanenbäume, auf einer Bank ruhend, den Blick über den Main schweifend, kam eine Frau auf mich zu. Sie fragte mich, ob sie sich zu mir auf die Bank setzten dürfe. Natürlich. Sie begann ein Gespräch. Es war Miyoko aus Tokio. Sie habe zwei erwachsene Söhne, einer lebe in, der andere ausserhalb Tokios. Sie selbst lebe in Vietnam, in Hanoi, weil ihr Mann dort für drei Jahre arbeitet. Jetzt hat sie noch zwei Jahre vor sich, wie sie meinte. Mit dieser kleinen Reise durch Deutschland und Polen flüchtete sie aus Hanoi, welches momentan die heisseste und feuchteste Saison des Jahres hat, mit um die 40 Grad jeden Tag.  (….) Während der Unterhaltung mit Miyoko wurde mir klar, dass es immer ein Nehmen und Geben gibt, sozusagen sind reziproke Handlungen vonnöten. Wenn ich etwas über Jemanden erfahren will, muss ich auch immer bereit sein Antworten zu geben. (...)»  

Irene Portmann

 

«Das Weltkulturen Museum in Frankfurt hat sich mit der aktuellen Ausstellung Ware & Wissen (or the stories you wouldn’t tell a stranger), einem nicht ganz leichten Thema, angenommen. “Keine Ausstellung kann die ganze Geschichte erzählen. Diese Ausstellung bietet eine subjektive Leseart bestimmter Verbindungen zwischen der deutschen Ethnologie, dem globalen Handel und der gross angelegten Sammlung ethnographischer Artefakte. Sie ist das Ergebnis einer einjährigen Recherche in den Archiven und Sammlungen des Weltkulturen Museums, und sie begann mit einer Frage: Welcher Art war die Beziehung zwischen diesem Museum und den Handels- und Geschäftsbanken am anderen Ufer des Flusses?“  Weil Bernhard Hagen der Gründungsdirektor dieses Museums war, erscheint es wichtig, dieses Bildmaterial trotz seines schwierigen Inhalts nicht nur intern zu bearbeiten, sondern auch öffentlich zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Es zeigt die Schattenseite anthropologischer Fotographie. Aus diesem Grund könne sie weder verborgen noch vernichtet werden.“ „Die Präsentation dieser Bilder will keine Perpetuierung von Gewalt und Sensationslust sein. Das Publikmachen soll vielmehr Transparenz herstellen.» (Zitate aus der Ausstellungsbroschüre)

Irene Portmann

 

«Das Projekt Stadtlabor Unterwegs ist ein Museumsprojekt, das den Anspruch hat, etwas mit und aus der Bevölkerung, und von und für die Bevölkerung, in der Bevölkerung zu präsentieren. Das Projekt ist als partizipatives Ausstellungsformat gedacht (http://www.historisches-museum-frankfurt.de/index.php?article_id=830, Zugriff: 10.7.2014) und die Frankfurter dürfen sich dazu äußern. Das Projekt ist ein Erfolg: Genügend Leute nehmen daran teil und ihre Art dazu beizutragen, sendet nicht zu erwartende Impulse.  Wie aber kann die Wirksamkeit einer Präsentation gemessen werden?  (...) Als ich am letzten Vormittag zur Friedbergeranlage ging, diskutierte ich zum ersten Mal mit einer Frankfurterin in den und über die Wallanlagen und das „Stadtlabor unterwegs“. Die etwas ältere Frau ging zu einer Bank und schlug eine Zeitschrift auf.  Ich fragte, ob es ihr etwas ausmache, wenn ich sie fotografiere.  Ein bisschen überrascht, fragte sie mich etwas defensiv, warum. So sind wir ins Gespräch gekommen.  Obwohl sie öfters dorthin geht und gerade gegenüber einer Tafel vom Stadtlabor sass, wusste sie gar nichts davon.  Sie wusste weder, dass die Grünfläche eine Wallanlage war, noch dass sie auf der anderen Seite der Straße weiter geht und noch weniger, dass die Anlage eine Krone um die alte Stadt bildet.  Sie hatte die Tafeln und die niederen Informationssäulen gar nicht bemerkt. Nach etwas Nachdenken fragte sie, ob die Gitterbehältnisse voll Müll etwas damit zu tun haben?»

Alison Zaugg

 

«Diese Oligoptiken widersetzen sich gemäss Latour der Illusion eines Panoptikums (wie sie etwa Google Earth bietet), indem sie ihre Ausschnitthaftigkeit deutlich machen und nur als einzelne Kanäle enge Einsichten jenseits eines totalisierten Blicks erlauben. Die scheinbare Kleinteiligkeit dieser „Übertragungswege“ lassen keinen „Zoom“ zwischen der Stadt als Gesamtheit und ihren Einzelteilen zu. Man kann nicht mehr klar trennen zwischen einem Europa, Frankfurt und den Wallanlagen, da die Transparente als Kanäle alles und gleichzeitig nichts davon in seiner Gesamtheit ansprechen. Die verschiedenen Grössenverhältnisse beginnen sich zu durchdringen und können deshalb nicht mehr als solche überblickt werden. Die Stadt ist von einem ‚Ausserhalb’ durchdrungen und weist gleichzeitig auch ständig über sich selbst hinaus.»

Kaspar Aebi

 

The map is not the territory (Latour „Paris Invisible“ 2012: 93) 
«Latour benutzt das Bild des Stadtplans um zu zeigen, welches Mittel wir auch nutzen um die Stadt zu repräsentieren. So ist dies nur ein kleiner Bruchteil ihres erlebten Wesens, der abgebildet wird. Erstens können wir nie die ganze Stadt wahrnehmen, weil sie in Zeit und Raum unendlich ist. Zweitens, ändert sich die materielle Stadt ständig, so dass sie, wenn wir dort sind, anders ist als je zuvor oder nachher.
Zwar ist die sichtbare, bewegliche Stadt geordnet und ihr Takt wird geordnet an Digitalanzeigern in der Untergrundbahn definiert, die akustische Stadt aber – eine andere Stadt mit der wir recht viel zu tun haben werden - ist weit entfernt von ordentlich. Sie ist arrhythmisch und dissonant, oder vielleicht sind es Tausende klangvolle Städte, und dennoch alle rücksichtslos? Die PKWs von den Ampeln dirigiert, drücken einen Rhythmus aus, die Bagger der Baustellen einen anderen. Auch die Presslufthämmer sind mit den Pickeln nicht einverstanden. Es sind Tausende verschiedene Geräusche die auf mich einprallen.»

Alison Zaugg

 

«Jeweils eine Person musste eine Schlafmaske anziehen, die dem Träger jegliche Sicht verunmöglichte. Die andere Person sollte den blinden Partner führen. So machte unsere Gruppe in Zweierreihen einen Spaziergang durch die Wallanlagen. Dabei sollte sich die blinde Person wiederum auf ihre hörbare Umgebung konzentrieren. Für mich persönlich bestand die Herausforderung dieser Übung schon alleine im Gehen. Insbesondere die Wechsel der verschiedenen Böden unter meinen Füssen forderten meine Aufmerksamkeit, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Deshalb hatte ich Mühe, mich noch zusätzlich auf die Geräusche um mich herum zu achten. Viel mehr überraschten mich Geräusche, die plötzlich sehr laut oder sehr nahe waren. Insofern betreffen meine Erkenntnisse aus dieser Übung weniger den Soundscape der Stadt Frankfurt oder der Wallanlagen, sondern den individuellen Umgang mit einer eingeschränkten Wahrnehmung. Denn einige Leute aus unserer Gruppe konnten den Spaziergang problemlos blind begehen, sich auf ihre anderen Sinne konzentrieren und dadurch zusätzliches Wissen über die Stadt sammeln. Egal jedoch, wie viel Sound-Wissen über Frankfurt der Einzelne tatsächlich aus dieser Übung mitnehmen konnte, wir alle haben die Stadt und die Wallanlagen aus einer neuen Perspektive erleben können. Darin liegt der relevante Punkt für mögliche zukünftige Feldforschungen: das Feld aus einer ungewohnten Perspektive erfahren und betrachten, was der Forschung eine Erweiterung ihrer Dimensionen schaffen kann.»

Noemy Künzler

 

«Die wichtigste Erkenntnis, die ich aus dieser Exkursion für mich mitgenommen habe, besteht darin, die eigene forschende Perspektive nicht als selbstverständlich anzusehen. Viel mehr sollte man sich fragen, aus welchen Gründen man welche Dinge wie wahrnimmt. Dies muss nicht erst in einer analysierenden Phase geschehen, sondern kann beispielsweise bereits durch eine Veränderung der eigenen Perspektive auf der sinnlichen Ebene passieren. Im Sinne dieser Perspektivenveränderung kann die Selbstreflektion in gewisser Weise schon direkt im Feld beginnen. Ich denke, dass es gerade bei einem Thema wie „Urban Displays“, bei welchem Sichtbarkeiten im Zentrum stehen, unerlässlich ist, zu untersuchen, welche Informationen beim Betrachter mit welcher Gewichtung und in welchen Bedeutungszusammenhängen ankommen. Nur den „Display“ beziehungsweise das Medium und dessen Inhalt zu untersuchen, könnte dem Thema nicht gerecht werden.»

Noemy Künzler

 

«Im Dialog-Museum tauchten wir (...) in die totale Dunkelheit ab und hatten als Orientierungshilfe nur noch einen Stock sowie die Stimme unseres Guides zur Verfügung. Im Gegensatz zu den Augenbinden, wo man zum einen zumindest die Möglichkeit gehabt hätte, sie wieder abzunehmen, und zum anderen die Sicherheit einer führenden Hand spürte, war man nun der Dunkelheit komplett ausgeliefert. Auch schien das am Vortag noch vorhandene Gespür für Nähe, wenn jemand vor oder neben einem stand, verloren. Denn nun konnte man sich nicht mehr nur auf dieses Erspüren konzentrieren, sondern hatte sich stets nach der Stimme zu richten, wodurch das im Park in den Hintergrund getretene Gehör wieder wichtiger wurde; Stock und Hand dienten dem Erkennen von Hindernissen sowie dem Finden der nächsten Wand. Dadurch erwuchs ein starkes Gefühl der Abhängigkeit.»

Marcel Jud